Nhoah und das Werk

11900 und ein paar Zerquetschte, so viele Kilometer liegen zwischen Berlin und Buenos Aires. Luftlinie, wohlgemerkt, so richtig nah ist das auch im Vielflieger-Zeitalter nicht. Nhoah Hoena-Jansen weiß das, die letzten fünf Jahre pendelte er zwischen seiner Heimat-und der argentinischen Hauptstadt hin und her. Schuld daran: Nicht der Bossa Nova, sondern der Tango. Eigentlich fungiert der Musiker nur unter seinem Vornamen, gerade hat er seine erste eigene Platte veröffentlicht, „Tangowerk by Nhoah“ heißt sie, 14 Songs, in denen die elektronische mit der Tangomusik vermählt werden soll. Ganz anders, als es zum Beispiel die Electro-Tango-Pioniere Gotan Project vorgemacht haben. Schneller, wilder, dramatischer, pathetischer.
Nhoah ist Jahrgang 1961 und wenn sich Menschen um die 50 zum ersten Mal an eine nicht ganz einfache Sache wagen, dann ist zuvor meist etwas Einschneidendes geschehen. Bei Noah war es eine gescheiterte Liebesbeziehung, die er in Buenos Aires verarbeiten musste: „Ich hatte erwartet, dass es der ödeste Urlaub meines Lebens werden würde. Und dann entdeckte ich die Tangowelt. Die Melancholie, die ich da erlebt habe, passte mit meinem damaligen Lebensgefühl sehr gut zusammen.“

Nhoah, das muss man in diesem Zusammenhang erwähnen, hat zwar erst in Buenos Aires den Tango für sich entdeckt, mit Musik aber schon mehr als sein halbes Leben zu tun. Für David Hasselhoff schrieb er genauso Songs wie für Travestie-Star Romy Haag. Außerdem ist er für den Sound von Mia verantwortlich, er produzierte alle Alben der erfolgreichen Berliner Band mit ihrer auffälligen Frontfrau Mieze Katz. Er prägte deren Sound so sehr, dass er, wohl nur halb im Scherz, als das „stille sechste Mitglied“ von Mia bezeichnet wird.

Mieze ist auch einer der zahlreichen, mal mehr, mal weniger prominenten Gäste, die auf Tangowerk singen. „Lost in Weltschmerz“ heißt ihr Song. Der österreichisches Crooner Louie Austen fordert „One More Kiss“ und Adriana Varela, eine argentinische Mischung aus Hildegard Knef und Nina Hagen, regt sich über den „Hijo De Puta“, den Hurensohn auf. Deutsch und Spanisch und Englisch, Bandoneon und Synthesizer, Drummachine und Geige, aus so unterschiedlichen Bestandteilen formt Nhoah seine „polystilistische Klangwelt“, die mal an die überdrehten Sigue Sigue Sputnik aus den 80ern erinnert, mal an verstorbene Tango-Größen wie Carlos Gardel.

Es sind die kleinen Geschichten drumherum, die Tangowerk so interessant erscheinen lassen. Nhoah erzählt, wie er einmal gegen drei Uhr nachts die Türen eines Clubs in Buenos Aires öffnete und vor sich gut 300 Tanzende sah – keiner unter 65: „Wow, habe ich gedacht, das ist ne geile Stadt, das ist ein geiler Tanz, da kann man in Ruhe alt werden.“ Aus der gescheiterten Liebe zu einem Menschen erwächst Zuneigung zu einer Stadt am anderen Ende der Welt.

Fünf Jahre lang brachte er sich nach und nach die Feinheiten der Tangomusik bei, arbeitete er an seinen Songs und den Arrangements, besuchte Clubs und Konzerte, knüpfte Kontakte zur argentinischen Szene. Das Ziel war klar: Die „elektronische Musikwelt von heute“ mit verschiedensten Einflüssen, vor allem mit der „Harmoniewelt des Tangos“, verbinden. Und zwar, so Noah, „ohne den Tango dabei neu zu erfinden.“ Er bat argentinische Musiker ins Studio und in sein gemietetes Haus im hippen Stadtviertel Palermo: Am Küchentisch fing er mit einem kleinen tragbaren Aufnahmegerät das Fernandez-Fierro-Orchester ein – junge Tangomusiker zwischen 25 und 30, die ihre öffentlichen Auftritte so gar nicht klischeehaft schon mal Stroboskoplicht untermalen und mit ihrer Energie ihr Publikum zum Pfeifen und Johlen treiben. Nhoah musste das Orchester erst einmal von dem eigenen Projekt überzeugen: „Wir haben dann über die Sprachbarrieren festgestellt, dass es nicht darum geht, was zu reproduzieren, sondern Grenzen zu sprengen.“ Ein Experimentierfeld mit ungeschriebenen Regeln: „Beim Tango muss man nur einen einzigen falschen Ton spielen und schon ist das ganze dramatische Gefühl hin,“ sagt Nhoah.

Auf den ersten Blick ähnelt das Vorgehen Nhoahs dabei an das der internationale House- und Technoszene: Etliche Club-Tracks der letzten ein, zwei Jahre schmücken sich mit afrikanischen Gesangs-Samples, Balkan-Beat-Einlagen, südamerikanischen Melodie-Einsprengseln. Musik wird hier aus ihrem Zusammenhang genommen und sorgt kurzfristig für Aufregung und Überraschung – Funktionsmusik, vor allem auf die Tanzfläche hin produziert. Doch darum scheint es dem Berliner Produzenten nicht zu gehen, er hat bei seinem Album nicht den Hörer, sondern sich selbst im Kopf, hat sein „Innerstes nach außen gekehrt“. Vom Sound her sind seine Songs weder aktuelle elektronische Club- noch herkömmliche Tangomusik. „Wenn man darüber nachdenkt, wem das gefällt, da fängt ja schon der Kompromiss an. Ich bin eher jemand der macht, was er machen muss, ich bin fast getrieben.“

Ein eher künstlerischer Ansatz also. Das spiegelt sich auch im Studio in Berlin-Mitte wider, wo nicht nur die Mia-Sachen, sondern letztendlich auch „Tangowerk“ entstand. Hier mischte Nhoah die Beats und die in Südamerika aufgenommenen Gesänge, Musiken, Atmosphären. Noch immer sind sie gesteckt, die komplizierten Verkabelungen, die die Klänge durch einen Turm von Effektgeräten jagen, per Lautsprecher ausgeben wurden, wieder mit dem Mikrophon eingefangen, um dann erneut bearbeitet zu werden. „Am Computer bekommt man den Sound, den wir haben wollten, nicht hin“, sagt Nhoah. Er spricht vom Reiz, den der kratzige, rauschende, angegriffene Sound eines Grammophons auf ihn ausübt. Wohl auch deshalb gibt es auf Tangowerk die Momente, die eine Brücke zu den „Goldenen Zwanzigern“ schlagen, in eine Zeit, in der Berlin, wie heute, berühmt war für seine Feierlaune. „Ob ich dir treu sein kann“, fragt die Vokalgruppe Berlin Comedian Harmonists in der Mitte des Albums.

Tangowerk, der Name deutet es schon an, ist mehr als nur Musik. Für mehrere Wochen lud Nhoah vor anderthalb Jahren neun seiner Berliner Mitstreiter ins Haus in Palermo ein, erneut wurde experimentiert und parallel zu den Liedern entstanden Masken und Kostüme. Die dazugehörigen Videos wurden zum Teil im Club 69 in Buenos Aires aufgenommen. Der Laden ist berühmt für seine Show, die mehr als nur ein bisschen an „Cabaret“, den Film und Broadway-Musical, erinnert. Nachzulesen und nachzuschauen ist all das mit der CD, ihr liegt ein 64-seitiges Booklet mit etlichen Fotos bei, genauso wie eine DVD mit den Videos und einem „Making of ...“

Viele Einflüsse, die Nhoah auf seinem Debüt verarbeitet, viele Botschaften, die er ausstrahlt. Vielleicht zu viele. Auf jeden Fall aber Musik, die zum Zuhören zwingt, die als Kaffeehaus-Beschallung denkbar ungeeignet ist. Konnte man das überhaupt schon mal über eine „Electro trifft Tango“-Platte sagen?