Düster und immer noch gut: Vegard Vinge und Ida Müller am Nationaltheater Reinickendorf

NT_Logo
Fäkalien - eins der letzten Tabus in unserer Gesellschaft. Aber Vegard Vinge, der Ausnahme-Theatermacher aus Norwegen, hat keine Lust, da mitzumachen. Und so stehen seine körpereigenen Abfallprodukte nicht im Mittelpunkt, aber auch nicht völlig am Rande seiner Theatervorstellungen. Ich war jetzt noch einmal in seinem "Nationaltheater Reinickendorf" und es war ziemlich spektakulär, wie ein ganzer Saal reißaus nahm vor einer Hand voll Kot. Aber eben nur so gerade aus Wurfreichweite. Um sich dann wieder hinzusetzen und auf eine Fortsetzung der 12 Stunden langen Performance zu warten, in der Ibsen und Shakespeare, Baumeister Solness und Hamlet auf ganz eigene Art verarbeitet wurden. Hier und hier und hier sind ja die vorigen Besuche im Nationaltheater Reinickendorf bzw. im Prater der Volksbühne dokumentiert, dass ich Vinge/Müller-Fan bin, muss ich wohl auch nicht mehr schreiben. Aber was ich noch loswerden will: nach wie vor gut, diese Mischung aus allem, die nur schwer zu deuten ist. Video und Pausenperformance, ein Theaterhaus, das in seiner Art einzigartig ist, Schauspieler, Kostüme, Bühnenbild: alles passt zusammen. Schön, wie in einer Art Pause Dutzende von Malen Songs von Joy Division und Lana Del Rey liefen - und Vegard Vinge in seiner, nun ja, unnachahmlichen Art mitsang.

Neulich wurde ich mal gefragt, warum ich hier beim Technoarm so viel über Theater schreiben würde. Aber es ist ja nicht Theater im Allgemeinen, das mich interessiert, sondern diese Art von Theater. Dazu kommt: Vegard Vinge und sein "Soundmeister" Trond Reinholdtsen haben in ihre Aufführungen auf ziemlich gute Weise vieles integriert, was die (elektronische) Musik auszeichnet: Sampling, elektronische Verfremdung der Stimmen von Autotune bis Vocodereffekten, Stress durch Lautstärke und Geschwindigkeit, Beats und Melodien wie aus dem Ableton-1mal1. Und Trockeneisnebel plus Stroboskoplicht erinnert auch eher an Kellertechno als an herkömmliches Schauspielhaus. Eine Frage bleibt natürlich: Was, ja was nur soll man tun, wenn dieses Theater Ende Juli für immer seine Türen schließt? Ich weiß es nicht.

Vegard Vinge im Nationaltheater Reinickendorf, Tag 433 from Martin Boettcher on Vimeo.