Und noch einmal: Die Wildente!

Nur noch mal kurz zur Zusammenfassung: Vor zwei Wochen bin ich zufällig auf die Inszenierung der „Wildente“ im Prater in der Berliner Kastanienallee gestoßen. Da, wo vorher nur ein paar unscheinbare Türen waren, stand auf einmal ein in schwarz und weiß und rot bemalter Gang. Aus Holz gezimmert, vielleicht 10, 15 Meter lang. Auf den schwarzen Eingangsvorhängen die Warnung, dass man erst „ab 18“ reindürfe. Drinnen dann wirklich dunkel - keine Ahnung, wie die das Ordnungs- oder Bauamt oder wer immer dafür zuständig ist, dazu bekommen haben, das zu erlauben: so dunkel darf es nicht mal im Kino sein! Sehr lauter Sound, mal Musik, mal Geräusche, mal Dialoge, zu denen die Schauspieler den Kopf oder Körper bewegten. Für den Zuschauer zu beobachten durch ein paar Fenster, die Blicke auf die „Bühne“ zuließen. Zu sehen: Immer wieder neue, manchmal sehr kurze, manchmal 20 oder 30 Minuten in die Länge gezogene Szenen - ein paar davon und insgesamt einen guten Eindruck hier in HD:

Die Wildente - Vildanden from Martin Boettcher on Vimeo.


In der „Wildente“ geht es um eine Handvoll Leute: Gregers Werle, der anderen gerne die Augen öffnen möchte, auf dass die ihr Leben nicht unter falschen Voraussetzungen leben. Als Gegenspieler: Dr. Relling, der behauptet, Menschen bräuchten ihre Lebenslüge, um glücklich zu sein. Und dazwischen all die anderen, Hjalmar Ekdal, seine Frau Gina, die Tochter Hedvig. Gregers Vater, Frau Sörby, die der Vater als neue Frau heiraten möchte, und noch ein paar andere.
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In der Inszenierung im Prater kommt zur Ibsen-Geschichte (die ich jetzt genau kenne, weil ich mir mal für zwei Tage eines der im Prater ausgehängten Reclam-Heftchen ausgeborgt habe) noch einiges dazu – Hjalmar Ekdal wird da als Kinderschänder seiner Tochter Hedvig dargestellt, ein unidentifizierbarer Mensch (später stellt er sich als einer der zwei oder drei Regisseure heraus) pinkelt sich nicht nur in den Mund, er bringt zwischendurch auch die gesamte Schauspielertruppe um, mit Messer und viel Kunstblut. Am Ende – und das ist dann wieder wie in der Originalvorlage aus dem Jahr 1884 – ist Hedvig tot und keiner der Beteiligten kommt wirklich gut weg.
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Was mich echt verblüfft: Bis auf die Berliner Zeitung (die das sehr gut hinbekommt) und hier bei Technoarm scheint sich niemand mit diesem Stück beschäftigt zu haben. Da wird so ein großartiges Theaterschauspiel aufgefahren, Tag und Nacht wird gespielt (ja, ein 24-Stunden-Stück, zwei Wochen lang am Stück), die Kastanienallee wird zur Happeningstelle, rund um den Prater sitzen jede Menge Menschen, trinken Bier, rauchen, unterhalten sich und gehen dann wieder rein in den Gang, um zu schauen, mitunter stundenlang - und das passiert praktisch unter Ausschluss der Medien.

Dabei ist hier genau das passiert, was man sich immer so wünscht: Die „hohe Kultur“ hat ihre Tempel verlassen, ist dorthin gegangen, wo nicht unbedingt nur der „Kulturbürger“, sondern alle aufeinander treffen: Der betrunkene Jugendliche, die Kunststudentin, die Touristen, die Kneipengänger, Menschen, die eigentlich nur auf die Straßenbahn warten wollten. Sogar die Pennerfrau, die seit ein paar Monaten auf der Kastanienallee zu Hause ist, trieb es in den dunklen Gang. Also jede Menge Menschen, die sonst nie mit Theater in Berührung kommen, und auch deren Reaktion war verblüffend: „Ist das Kunst?“ - „Das ist ja krank!“ - „Die spielt nicht gut, die bewegt sich zu viel!“ Lautes Gepolter, überlautes Kommentieren, weil sie sich in einer Situation wiederfinden, die sie nicht kennen, wo sie sich unsicher fühlen. Und die dann doch so sehr fasziniert, das man schließlich doch schweigt. Oder eben, für den Moment irritiert, lauthals abzieht.

Vielleicht ganz gut, dass nicht „Bild“ und nicht „B.Z.“ auf das Stück aufmerksam wurden: Man kann sich gut vorstellen, wie sie sofort auf die Schlüsselreize reagiert und einen Skandal aus der Inszenierung gezimmert hätten. Mehr als nur angedeuteter Sex, nackte Männer, bei denen der Penis malträtiert wird, ein Kind, das jede denkbare Kindesmisshandlung erleben muss, und immer wieder Gewalt, Gewalt, Gewalt. Finanziert vermutlich mit Förder- oder Steuergeldern – ein gefundenes Fressen für jeden halbwegs fähigen, also skrupellosen Boulevardjournalisten. Für alle anderen: Kunst!

Trotzdem: Haben die keine Pressestelle in der Volksbühne? Dieses Stück ist ein echtes Schmuckstück und war bestimmt nicht einfach und ganz sicher nicht billig zu produzieren. Und dann erfährt man nirgends davon? Kein Pressemensch, der die Redaktionen gezielt hinweist? Oder gar nicht? Nicht einmal ein Plakat? Nun gut, vielleicht hatte man Angst vor zu vielen Menschen. Denn der letzte Abend (da ließ sich sogar Frank Castorf mal kurz vor der Tür blicken) war dann schon ganz schön voll. Aber auch ein wenig seltsam, dass die Redaktionen nicht von selbst drauf kommen - sind die so in ihrem Trott, dass ein Stück, das keine richtige Premiere hat (weil es ja in dieser Form nur ein einziges Mal aufgeführt wird), einfach nicht wahrgenommen wird? Oder ignoriert man dort Theater, das auch auf Schock-Elemente setzt?

Wie das ganze Stück endete? Ich weiß es nicht, es ging dann doch zu lange, um halb drei Uhr nachts konnte ich nicht mehr. Als Fazit aber bleibt: Die beste Theatererfahrung meines Lebens. Insgesamt geschaut: Schätzungsweise 20 Stunden. Minuten, die ich mich dabei langweilte: 0.